Aug 24

Poetry Slamer - ein Job mit Zukunft

Lachen sollen sie. Nicht über mich, sondern über meine Texte. Drum trug ich etliche Texte auf Poetry Slams vor. Meist ging es um Frauen und meine Jugend. Meine Erlebnisse zu der Zeit waren so lächerlich, dass Lachkrämpfe garantiert waren. Anfangs lachte die Meute an den falschen Stellen, doch als ich ein paar derbe Wörter einbaute, lief es wie geschmiert. Ein Beispiel?
„Wir TRIEBEN es im Auto wie Karnickel. Dann kam sie mit ihrem ARSCH auf die Hupe. Sie erschrak, sprang auf und schlug mich mit ihren HUPEN ko.“
Mindestens acht Sekunden Gekicher. Ich war geboren für die Bühne.

Und wie sie immer klatschten! Sie klatschten beim Betreten der Bühne, bei jeder Grimasse und nach jeder Pointe. Ein Text für einen Slam darf maximal fünf Minuten dauern. Das bedeutet, dass mir das Geklatsche mindestens 30 Sekunden kostet. Ich reagierte mit ernsteren Texten über den Geruch meiner Oma und verlor mehrfach hintereinander. Diese Schande konnte ich nur mit einer Rückkehr zum Humor verarbeiten. Ein Text über ein sexuelles Erlebnis mit einem Mangokern brachte mich zurück an die Spitze. Besonders laut klatschte das Publikum, als ich meine Mutter mit ins Spiel brachte. Verrückte Zeiten.

Der Rest ist Geschichte. Das Fernsehen entdeckte mich, genauer eine Assistentin vom Lokalfernsehen schwärmte für mich, und ich durfte mein Können bei einem Format für Neulinge unter Beweis stellen: Junge Comedians aus dem Revier. Spätestens ab dem Zeitpunkt konnte ich mich nicht mehr vom Stempel befreien, dass ich anscheinend ein Humorist bin. Einer, der Witze und Gags einfach so aus dem Ärmel schüttelt. Es dauerte nicht lange, bis man mir eine Gitarre umschnallte und ich fortan meine kürzesten Texte als komischer Liedermacher vortragen durfte. Rasant wurde ich zum Geheimtipp, weil ich so freche Songtexte hatte und so rein gar nicht singen konnte. Darauf stehen die Leute, wenn jemand etwas mit vollster Überzeugung außerordentlich schlecht macht. Meine bekanntesten Songs schimpfen sich „Unruhen in Wanne-Eickel“ und „Natürlich habe ich Deine Mutti flach gelegt“. Sie wurden unzählige Male bei YouTube und so geteilt. Als meine erste Fanpage ins Laufen kam, saß ich stundenlang vor dem Spiegel und übte Selfies.

Der Hype endete mit dem dritten Album. Die Kritiker hatten sich an mir satt gehört und auch meine Auftritte im Fernsehen wurden weniger. Zuletzt stellte man mir sogar Neulinge zur Seite, die ich als alter Hase fördern sollte. Dabei kam ich mir gar nicht so vor. Das Getuschel um meine Person machte mich nervös, drum versuchte ich mich an neuen Konzepten. Ich trat mit Perücke auf und machte einen auf Prolet. Beflecktes Unterhemd, Bierkanne in der Hand und immer schön frauenfeindlich. Mein großes Comeback! Damit füllte ich sogar die größten Hallen Deutschlands. Doch leider wollten mich die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nicht mehr, drum wechselte ich zu den Privaten. Dort verkörperte ich auch andere Rollen, wie zum Beispiel einen Türsteher, der mit blonder Perücke und rosa Jogginganzug in einer Dönerbude arbeitet. Die Masse liebte mich und ich machte Werbung für mein liebstes Wassereis. Bis ich fett wurde.

Meine Geschichte als unförmiger Satiriker erlebte seinen Höhepunkt, als ich meinen Traum verwirklichte und ein eigenes Magazin auf den Markt bringen konnte. Ein satirisches Blatt voller Gemeinheiten und zynischer Bemerkungen über den Alltag meines Publikums. Ohne meinen Namen auf dem Cover wäre das wohl eine Eintagsfliege geworden, doch die Auflage überzeugte. Meine Texte wurden wieder etwas bissiger. Vielleicht war ich erleichtert, endlich diese bescheuerten Kostüme los zu sein. Es zahlte sich aus: beim Reisen mit den öffentlichen Verkehrsmittel sehe ich Leute mit meinem Heft in der Hand – und sie schmunzeln. Selbst die vielen Hater und Trolle auf den Internetseiten konnten mir meinen größten Coup nicht vermiesen. Sogar meine ersten drei Alben wurden wieder aufgelegt. Man bot mir eine eigene Talkshow bei ZDF Neo an. Wenig später einen eigenen Tatort. Doch dafür musste ich zunächst wieder einige Kilos abnehmen. 20 Kilo leichter wurde ich der Kommissar von Wanne-Eickel und ging kurz danach wieder auf Tour.

Während der Tournee hatte ich den Einfall, zurück zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Ich wollte mal wieder bei einem Poetry Slam auf der Bühne stehen. Meine Person war ein glatter Selbstläufer. Statt über meine verkorkste Jugend und meine ersten Erfahrungen mit Frauen zu berichten, konnte ich nahezu alles Mögliche sagen. Einfach den Mund aufmachen! Die Leute klatschten und jubelten aus Gewohnheit, weil ich für sie Humor verkörpere. Eine Witzfigur. Der Gedanke stimmte mich traurig, doch musste mir diese Wahrheit eingestehen: Humor hat nichts Tiefgründiges an sich. Es ist vielmehr eine stete Übertreibung des Bekannten. Mein finales Stück an dem Abend war der Song, in dem ich irgendeine Mutter verführe. Als ich sagte „… und nun ein Song für alle Milfs!“, lagen die Leute vor Lachen am Boden.

Still und heimlich habe ich im vergangenem Jahr ein Lyrikband veröffentlicht. Ein kleiner Verlag ließ sich darauf ein, mich unter Pseudonym zu vertreiben. In diesen Texten schrieb ich über Dinge, die Satiriker nicht beschäftigen dürfen, da sie sonst aussortiert werden. Über das Gleiten der schweren Wolken über meinem Haupt. Der Hauch von Furcht in den Gesichtern der Menschen. Aber kein Wort über den Geruch meiner Oma.
Bald ist mein 15. Fall in Sachen „Tatort“ abgedreht und ich habe noch allerhand Aufträge, die sich auf meinem Schreibtisch stapeln. Meinen alten rosafarbenen Jogginganzug versteigerte ich bei eBay. Nächstes Jahr bin ich 10 Jahre mit meiner Frau, der damaligen Assistentin vom WDR, zusammen. Die nächste Tournee ist geplant und ich veröffentlichte in den letzten Jahren drei urkomische Ratgeber für Stalker, Selfie-Freunde und Slammer. Es gibt viel zu tun im harten Geschäft des Humoristen. Alles nach Plan, alles bekannt. Das Leben eines Satirikers ist witzlos. Lachen sollen sie trotzdem.

 

Dez 24

Degenhardt ist ein alter Draufgänger. Manchmal geht er sogar bei Rot über die Fußgängerampel, um zu provozieren. Deshalb hat er auch zwei Holzbeine. Seine richtigen Beine wurden ihm von einem Sattelschlepper abgefahren, der aus Frankreich nach Dänemark unterwegs war. Der Fahrer kam allerdings aus Niedersachsen und konnte nach einer Operation am Gehirn nur noch Schwedisch sprechen. Deshalb hat er Degenhardt auch nicht ins Krankenhaus gebracht, sondern zu einem Delfinarium. Er konnte einfach nicht verstehen was der Beinlose Mann von ihm wollte. Das hatte auch sein Gutes. Im Delfinarium zahlen nämlich Menschen mit Handicap nur die Hälfte.

Dez 05

An dieser Stelle möchten wir gerne zwei neue Projekte vorstellen. Oliver Peters blogt bereits seit einiger Zeit über die lustige Welt des Pessimismus unter seiner neuen Domain: http://miesepeters.de

Benjamin Bäder schreibt seit heute über Duisburger Lokalgrößen und -tiefen für die Partei DIE PARTEI: http://www.die-partei-duisburg.de

Nov 08

Richtungsding #8

Die Richtungsding-Redaktion hatte diesmal die schwierige Aufgabe aus 580 Einsendungen die richtigen Texte für das aktuelle Heft auszusuchen. Die Arbeit hat sich jedoch gelohnt, laut Herausgeber Jan-Paul Laarmann ist es das beste Heft – wie jedes Mal. Alle Texte wurden wieder von Redaktionsmitglied und Illustrator Benjamin Bäder mit ausgefallenen Collagen bebildert. Das Richtungsding #8 kann ab heute unter: www.richtungsding.de bestellt werden.

Jul 16

Ich zähle die Stacheln meines Igels. Es ist gewiss mein fünfter Versuch und ich schaffe es bis 43. Der überdrehte Racker macht mir stets einen Strich durch die Rechnung. „Nun halt doch mal still, verdammt“, sage ich und schüttele leicht den Karton, in dem der Igel auf und ab geht. Dieser ignoriert mich gekonnt und kratzt stattdessen in einer Ecke herum. Ich starte direkt einen erneuten Versuch: Eins, zwei, drei, vier, fünf, wo war ich?

Neben mir sitzt ein älterer Mann mit einem Dackel zwischen den Knöcheln. Beide mustern mich mit einem ähnlich müdem Gesichtsausdruck, wobei ich mir einen Dackelblick bisher anders vorgestellte. Ohnehin habe ich den Eindruck, dass alle Augen im Wartezimmer der Tierarztpraxis auf meinen Karton und mich gerichtet seien. Herrchenaugen, Frauchenaugen, Hundeaugen, Katzenaugen, Reptilienaugen, Nageraugen und vielleicht sogar Hühneraugen. Für einen kurzen Moment überlege ich, meinen stachligen Begleiter und mich vorzustellen, doch ich beschließe einfach zu warten, bis ich aufgerufen werde. Weiterlesen »

Jul 03

Die Novelle

Die Novelle #3, ist die Zeitschrift für Experimentelles und ab heute im Handel erhältlich. Mit dabei sind Benjamin Bäder und Fabian Mirko May aus der Redaktion der Zeitschrift Richtungsding. Sie haben einen experimentellen Comic zum Thema „Tote Orte“ eingereicht, in dem unter anderem philosophierende Stühle, Monster und ein denkender Tisch vorkommen.

Jun 14

Smartphones, Facebook, Twitter, Skype und Co, wozu brauchen wir das überhaupt? Um es frei nach Freud zu formulieren: Natürlich ist es besser, eine Beleidigung mit viel räumlicher Distanz per WhatsApp rauszudrücken, als mit einer Streitaxt auf jemanden loszugehen. So gesehen ist das Handy eine beachtliche Kulturleistung, die uns den alltäglichen Umgang mit unseren Mitmenschen enorm vereinfachen kann.

Doch machen wir vorab einen kleinen Ausflug ins finstere Mittelalter, als es noch keine Handys gab, beziehungsweise die Mobiltelefone noch sperrige Funkgeräte waren, die nur einer erlauchten Elite von Aristokraten und Wirtschaftsbossen vorbehalten blieben, die diese Apparaturen aufgrund der schieren Größe in ihre Automobile einbauen ließen. Der gemeine Pöbel indes träumte davon der Statussymbole dieser Oberschichtler habhaft zu werden, einen schicken Sportwagen zu besitzen und in diesem eines jener Funktelefone zu haben, das heute jeder dahergelaufene Dorftrottel im Miniaturformat in der Westentasche mit sich herumträgt. Dass diese Träume meist durch das Fernsehen induziert wurden und die meisten Handys heute smarter sind als ihre Besitzer, ist eine Folge der Phantasielosigkeit und Trägheit der Masse an sich – soll uns an dieser Stelle jedoch nicht stören.

Was taten die Leute damals in ihrer Freizeit, so ganz ohne die moderne Errungenschaft der drahtlosen Telekommunikation? Eigentlich das gleiche wie heute: Sie vegetierten vor sich hin.

Ich erinnere mich noch haargenau an die Jugendlichen auf dem Schulhof. Einige Kinder tollten herum und rannten einem Ball hinterher. Eine Gruppe von Halbstarken verschwand heimlich in den Gebüschen um zu rauchen. Die meisten Mädchen steckten die Köpfe zusammen, tauschten Glanzbilder oder Sticker und gackerten, wenn Weiterlesen »

Jun 03

Richtungsding #7

Das Richtungsding Nummer Sieben ist zum ersten Mal ein Themenheft. Titel der Ausschreibung war „Norden“. Von dreihundertzwanzig Einsendungen schafften es lediglich vierundzwanzig Autoren, mit ihrer Interpretation des Nordens, in die aktuelle Zeitschrift für Gegenwartsliteratur. Alle abgedruckten Werke wurden von Benjamin Bäder mit passenden Illustrationen versehen. Die Anthologie kann ab heute unter: www.richtungsding.de bestellt werden.

Dez 06

Eigentlich bin ich unschuldig. Woher sollte ich auch ahnen, was mein Plan anrichten würde? Doch fangen wir vorne an.
Ich hatte die Nase voll und wollte endlich wissen, wer hinter dem Weihnachtsmann steckt. Bevor ich mein erstes Smartphone erhalten sollte, musste ich einfach das Geheimnis lüften. Mir war schon seit längerem klar, dass es total unlogisch ist, dass der Weihnachtsmann per Schlitten (!), der von Rentieren (!!) gezogen werden soll, die gesamte Welt (!!!) mit Geschenken versorgt. Vor allem … alles in einer Nacht. Extrem unrealistisch, wenn man bedenkt, dass ich bereits per Rad zu meiner Lieblingseisdiele mindestens 15 Minuten brauche. Ich glaube kaum, dass Rentiere das ändern würden. So was können sie den Blagen erzählen.
Oder nehmen wir mal diese unendliche Freundlichkeit! Auch ein Weihnachtsmann muss doch mal ausrasten. Zum Beispiel, weil ein Rentier falsch abbiegt oder ein Kamin zu verwinkelt ist. Nein, stattdessen würde der sogar mit gebrochenen Beinen durch den Kamin rutschen und sagen „Ho ho ho, ich bin der Weihnachtsmann. Warst Du auch artig, lieber Peter?“ … Wtf!
Das stank bis zum Himmel. Ich musste herausfinden, was es mit dem Freak auf sich hat. Außerdem hat er mir letztes Jahr ein total blödes Puzzle geschenkt. Das schrie nach Rache. Weiterlesen »

Nov 11

Lieber Joseph,

Du hattest schon immer ein Herz für Tiere. Würde ich glatt auch über mich behaupten, doch irgendwie haben derartige Aussagen einen bitteren Beigeschmack. Meist sind Leute, die „besser mit Tieren“ zurecht kommen, schlicht und einfach Opfer einer Sozialphobie.
Soll natürlich nicht bedeuten, dass alle Hundestreichler, Katzenkrauler und Schlangenschmücker total unfähig seien, es auch nur zwei Minuten mit anderen Menschen in einem Raum auszuhalten. Jedoch merkt man schnell, wenn jemand hauptsächlich mit Lebewesen kommuniziert, welche Widerworte nur in der Form von Schnurren, Bellen oder Nase wackeln hervorbringen. Sollte man dann noch die Schlafstätten tauschen oder sich gar selbst auf allen Vieren vorwärts bewegen, übertreibt man es eventuell mit der Zuneigung.

Apropos Tiere. Ein enger Freund hat derzeit ein Frauenproblem. Nicht, dass ihm die Ehefrau oder Freundin Probleme bereitet. Es ist vielmehr so, dass ihre konsequente Abstinenz für Verdruss sorgt. Soll bedeuten, dass er diese Dame noch nicht mal kennengelernt hat. Weiterlesen »