Jul 16

Ich zähle die Stacheln meines Igels. Es ist gewiss mein fünfter Versuch und ich schaffe es bis 43. Der überdrehte Racker macht mir stets einen Strich durch die Rechnung. „Nun halt doch mal still, verdammt“, sage ich und schüttele leicht den Karton, in dem der Igel auf und ab geht. Dieser ignoriert mich gekonnt und kratzt stattdessen in einer Ecke herum. Ich starte direkt einen erneuten Versuch: Eins, zwei, drei, vier, fünf, wo war ich?

Neben mir sitzt ein älterer Mann mit einem Dackel zwischen den Knöcheln. Beide mustern mich mit einem ähnlich müdem Gesichtsausdruck, wobei ich mir einen Dackelblick bisher anders vorgestellte. Ohnehin habe ich den Eindruck, dass alle Augen im Wartezimmer der Tierarztpraxis auf meinen Karton und mich gerichtet seien. Herrchenaugen, Frauchenaugen, Hundeaugen, Katzenaugen, Reptilienaugen, Nageraugen und vielleicht sogar Hühneraugen. Für einen kurzen Moment überlege ich, meinen stachligen Begleiter und mich vorzustellen, doch ich beschließe einfach zu warten, bis ich aufgerufen werde. Weiterlesen »

Jul 03

Die Novelle

Die Novelle #3, ist die Zeitschrift für Experimentelles, und ab heute im Handel erhältlich. Mit dabei sind Benjamin Bäder und Fabian Mirko May aus der Redaktion der Zeitschrift Richtungsding. Sie haben einen experimentellen Comic zum Thema „Tote Orte“ eingereicht, in dem unter anderem philosophierende Stühle, Monster und ein denkender Tisch vorkommen.

Jun 14

Smartphones, Facebook, Twitter, Skype und Co, wozu brauchen wir das überhaupt? Um es frei nach Freud zu formulieren: Natürlich ist es besser, eine Beleidigung mit viel räumlicher Distanz per WhatsApp rauszudrücken, als mit einer Streitaxt auf jemanden loszugehen. So gesehen ist das Handy eine beachtliche Kulturleistung, die uns den alltäglichen Umgang mit unseren Mitmenschen enorm vereinfachen kann.

Doch machen wir vorab einen kleinen Ausflug ins finstere Mittelalter, als es noch keine Handys gab, beziehungsweise die Mobiltelefone noch sperrige Funkgeräte waren, die nur einer erlauchten Elite von Aristokraten und Wirtschaftsbossen vorbehalten blieben, die diese Apparaturen aufgrund der schieren Größe in ihre Automobile einbauen ließen. Der gemeine Pöbel indes träumte davon der Statussymbole dieser Oberschichtler habhaft zu werden, einen schicken Sportwagen zu besitzen und in diesem eines jener Funktelefone zu haben, das heute jeder dahergelaufene Dorftrottel im Miniaturformat in der Westentasche mit sich herumträgt. Dass diese Träume meist durch das Fernsehen induziert wurden und die meisten Handys heute smarter sind als ihre Besitzer, ist eine Folge der Phantasielosigkeit und Trägheit der Masse an sich – soll uns an dieser Stelle jedoch nicht stören.

Was taten die Leute damals in ihrer Freizeit, so ganz ohne die moderne Errungenschaft der drahtlosen Telekommunikation? Eigentlich das gleiche wie heute: Sie vegetierten vor sich hin.

Ich erinnere mich noch haargenau an die Jugendlichen auf dem Schulhof. Einige Kinder tollten herum und rannten einem Ball hinterher. Eine Gruppe von Halbstarken verschwand heimlich in den Gebüschen um zu rauchen. Die meisten Mädchen steckten die Köpfe zusammen, tauschten Glanzbilder oder Sticker und gackerten, wenn Weiterlesen »

Jun 03

Richtungsding #7

Das Richtungsding Nummer sieben ist zum ersten Mal ein Themenheft. Titel der Ausschreibung war „Norden“. Von dreihundertzwanzig Einsendungen schafften es lediglich vierundzwanzig Autoren, mit ihrer Interpretation des Nordens, in die aktuelle Zeitschrift für Gegenwartsliteratur. Alle abgedruckten Werke wurden von Benjamin Bäder mit passenden Illustrationen versehen. Die Anthologie kann ab heute unter: www.richtungsding.de bestellt werden.

Dez 06

Eigentlich bin ich unschuldig. Woher sollte ich auch ahnen, was mein Plan anrichten würde? Doch fangen wir vorne an.
Ich hatte die Nase voll und wollte endlich wissen, wer hinter dem Weihnachtsmann steckt. Bevor ich mein erstes Smartphone erhalten sollte, musste ich einfach das Geheimnis lüften. Mir war schon seit längerem klar, dass es total unlogisch ist, dass der Weihnachtsmann per Schlitten (!), der von Rentieren (!!) gezogen werden soll, die gesamte Welt (!!!) mit Geschenken versorgt. Vor allem … alles in einer Nacht. Extrem unrealistisch, wenn man bedenkt, dass ich bereits per Rad zu meiner Lieblingseisdiele mindestens 15 Minuten brauche. Ich glaube kaum, dass Rentiere das ändern würden. So was können sie den Blagen erzählen.
Oder nehmen wir mal diese unendliche Freundlichkeit! Auch ein Weihnachtsmann muss doch mal ausrasten. Zum Beispiel, weil ein Rentier falsch abbiegt oder ein Kamin zu verwinkelt ist. Nein, stattdessen würde der sogar mit gebrochenen Beinen durch den Kamin rutschen und sagen “Ho ho ho, ich bin der Weihnachtsmann. Warst Du auch artig, lieber Peter?” … Wtf!
Das stank bis zum Himmel. Ich musste herausfinden, was es mit dem Freak auf sich hat. Außerdem hat er mir letztes Jahr ein total blödes Puzzle geschenkt. Das schrie nach Rache. Weiterlesen »

Nov 11

Lieber Joseph,

Du hattest schon immer ein Herz für Tiere. Würde ich glatt auch über mich behaupten, doch irgendwie haben derartige Aussagen einen bitteren Beigeschmack. Meist sind Leute, die „besser mit Tieren“ zurecht kommen, schlicht und einfach Opfer einer Sozialphobie.
Soll natürlich nicht bedeuten, dass alle Hundestreichler, Katzenkrauler und Schlangenschmücker total unfähig seien, es auch nur zwei Minuten mit anderen Menschen in einem Raum auszuhalten. Jedoch merkt man schnell, wenn jemand hauptsächlich mit Lebewesen kommuniziert, welche Widerworte nur in der Form von Schnurren, Bellen oder Nase wackeln hervorbringen. Sollte man dann noch die Schlafstätten tauschen oder sich gar selbst auf allen Vieren vorwärts bewegen, übertreibt man es eventuell mit der Zuneigung.

Apropos Tiere. Ein enger Freund hat derzeit ein Frauenproblem. Nicht, dass ihm die Ehefrau oder Freundin Probleme bereitet. Es ist vielmehr so, dass ihre konsequente Abstinenz für Verdruss sorgt. Soll bedeuten, dass er diese Dame noch nicht mal kennengelernt hat. Weiterlesen »

Nov 01

Jesus Christus letzter Fehler

Nov 01

Zombie-Diät

Auf seine 15 Minuten bereitete Erik sich gründlich vor. Er aß weniger als die Hälfte und manchmal sogar nur davon die Hälfte. Er verzichtete auf Schlaf und widmete sich dem Nachtprogramm der Privatsender. Duschen kam auch nicht mehr in Frage, sonst hätte er nie die erforderlichen Fliegen anlocken können.
Er studierte über Wochen hinweg ältere Herrschaften an ihren Rollatoren oder Gehhilfen, um den langsamen Gang zu perfektionieren. Dazu schlenderte er immerzu durch Supermärkte und Wartezimmer, bis jemand misstrauisch wurde und die Polizei rief. Außerdem übte er eine schwammige Aussprache, indem er sich mit einer nassen Socke behalf, die er sich in den Mund steckte. Wörter wie „Telekommunikationselektronikerausbildungsvergütung“ wurden zur Qual.
Erik freut sich sehr auf seine kleine Komparsenrolle in irgendeinen weiteren Zombiestreifen aus Hollywood, der bis dato keinen Titel hat. Vielleicht „Ein Zombie schlurft selten allein“, „Hobbits vs. Zombies“ oder „Zombie Gump“. Wie auch immer, Erik fühlt sich endlich von seiner Umwelt beachtet und er freut sich, wenn Passanten über ihn tuscheln. Schliesslich ist er bald ein Filmstar. Seine Freunde und vor allem seine Mutter erkennen ihn jedoch kaum wieder.
Aber das ist wohl der Preis des Ruhms.

Okt 31

Dirk Comic 1 Weiterlesen »

Okt 30

Zombie im Schuhgeschäft