Nov 09

Eine Groteske, die in Richtungsding 5 veröffentlicht wurde. Hier noch einmal eingelesen für Fremdlesen.de. Ein echter Klassiker (der bisher nur nicht präsentiert wurde, weil Youtube irgendwann vor langer Zeit mal den Upload abgebrochen hat 😀 ).

Dez 24

Degenhardt ist ein alter Draufgänger. Manchmal geht er sogar bei Rot über die Fußgängerampel, um zu provozieren. Deshalb hat er auch zwei Holzbeine. Seine richtigen Beine wurden ihm von einem Sattelschlepper abgefahren, der aus Frankreich nach Dänemark unterwegs war. Der Fahrer kam allerdings aus Niedersachsen und konnte nach einer Operation am Gehirn nur noch Schwedisch sprechen. Deshalb hat er Degenhardt auch nicht ins Krankenhaus gebracht, sondern zu einem Delfinarium. Er konnte einfach nicht verstehen was der Beinlose Mann von ihm wollte. Das hatte auch sein Gutes. Im Delfinarium zahlen nämlich Menschen mit Handicap nur die Hälfte.

Jun 14

Smartphones, Facebook, Twitter, Skype und Co, wozu brauchen wir das überhaupt? Um es frei nach Freud zu formulieren: Natürlich ist es besser, eine Beleidigung mit viel räumlicher Distanz per WhatsApp rauszudrücken, als mit einer Streitaxt auf jemanden loszugehen. So gesehen ist das Handy eine beachtliche Kulturleistung, die uns den alltäglichen Umgang mit unseren Mitmenschen enorm vereinfachen kann.

Doch machen wir vorab einen kleinen Ausflug ins finstere Mittelalter, als es noch keine Handys gab, beziehungsweise die Mobiltelefone noch sperrige Funkgeräte waren, die nur einer erlauchten Elite von Aristokraten und Wirtschaftsbossen vorbehalten blieben, die diese Apparaturen aufgrund der schieren Größe in ihre Automobile einbauen ließen. Der gemeine Pöbel indes träumte davon der Statussymbole dieser Oberschichtler habhaft zu werden, einen schicken Sportwagen zu besitzen und in diesem eines jener Funktelefone zu haben, das heute jeder dahergelaufene Dorftrottel im Miniaturformat in der Westentasche mit sich herumträgt. Dass diese Träume meist durch das Fernsehen induziert wurden und die meisten Handys heute smarter sind als ihre Besitzer, ist eine Folge der Phantasielosigkeit und Trägheit der Masse an sich – soll uns an dieser Stelle jedoch nicht stören.

Was taten die Leute damals in ihrer Freizeit, so ganz ohne die moderne Errungenschaft der drahtlosen Telekommunikation? Eigentlich das gleiche wie heute: Sie vegetierten vor sich hin.

Ich erinnere mich noch haargenau an die Jugendlichen auf dem Schulhof. Einige Kinder tollten herum und rannten einem Ball hinterher. Eine Gruppe von Halbstarken verschwand heimlich in den Gebüschen um zu rauchen. Die meisten Mädchen steckten die Köpfe zusammen, tauschten Glanzbilder oder Sticker und gackerten, wenn Weiterlesen »

Okt 26

Ludwig ist Busfahrer. Er fährt die Linie 303 bereits seit vielen Jahren und beherrscht sie im Schlaf. Im Schlaf? Ach was, er würde die Line 303 sogar noch fahren, wenn er tot wäre. Gerade steigt eine ältere Dame zu und fragt nach einem Ticket. Ludwig knurrt sie an, so dass die greise Frau erschrickt und sofort wieder aus dem Bus springt. Die übrigen Fahrgäste wissen, dass er ein Zombie ist und fühlen sich durch seinen Geruch und das Knurren nicht belästigt. Auch sie fahren beinahe jeden Tag mit dem Bus und beachten Ludwig wenig. So entgeht ihnen auch, dass er heimlich an Damenunterwäsche schnüffelt. Wo er diese herbekommt, weiß niemand so genau, aber er hat eine ganze Kiste davon, die neben seinen Füßen steht und darauf wartet, durchwühlt zu werden. Doch eines Tages wird die Geschäftsleitung auf ihn aufmerksam. Das liegt nicht etwa daran, dass er stinkt als ob ein toter Steinmarder im Lüftungsschachtschacht verrotten würde, nein, viele Busfahrer müffeln und man mag sich fragen, ob es vielleicht sogar ein Einstellungskriterium ist. Vielmehr liegt es daran, dass die Kiste die ganze Zeit auf der Kupplung gestanden hat und der Bus nun ein neues Getriebe braucht. Ludwig wird eine neue Linie zugeteilt bei der er sich prompt verfährt und in einem kleinen Städtchen in der Nähe von Wanne-Eickel, das weit ab von seiner Route liegt, in einer engen Gasse stecken bleibt.

Okt 10

Das Judentum ist in Europa immer wieder systematisch verfolgt und ausgegrenzt worden. Trotzdem, oder gerade deswegen, hat sich eine eigene Kultur und Sprache entwickelt die wiederrum immer wieder Einfluss auf ihre Umgebung gehabt hat. Es folgt eine Liste mit meinen Lieblingswörtern, die aus dem hebräischen/jiddischen Sprachgebrauch stammen:

1. Heiraten – kaum noch aus dem Deutschen wegzudenken ist dieses jüdische Wort. Ursprünglich sagte man in Deutschland „Hochzeit halten“, was aber doch umständlicher ist und mittlerweile antiquiert wirkt.

2. Schnorrer – im Judentum galt es sich um die ganze Mischpoche zu kümmern; das heißt um die ganze teilweise sehr weitläufige Verwandtschaft. Kam man zu Geld erschienen kurz darauf die entferntesten Vettern oder über drei Ecken verwandte Schwippschwägerinnen um sich bei einem durchzuschnorren.

3. Zocken/Zocker – sich etwas „zocken“, jemanden oder etwas „abzocken“ sind Wendung aus dem Rotwelschen, einer Gaunersprache, auf die das Jiddische Einfluss hatte, da Juden sich im Mittelalter durch von den Christen verhängte Berufsverbote oft als Wucherer, Hehler oder sogar als Diebe durchschlagen mussten.

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Sep 10

Es geht nichts über ein perfektes Verbrechen
Ron hat zum Geburtstag einen Zitteraal bekommen. Das ist ein tolles Geschenk für einen Sechsjährigen. Jetzt kann er endlich mit seinem Hamster „Elektrischer Stuhl“ beziehungsweise „Elektrisches Schwimmbad“ spielen. Leider ist der Hamster schon beim ersten Spiel vollkommen bewegungsunfähig, ja unter Umständen sogar tot. So ein Zitteraal kann nämlich selbst einen ausgewachsenen Bullen umhauen. In diesem Moment kommt auch schon Rons Vater nach Hause. Er ist Polizist und wundert sich über den neuen Fisch im Aquarium seines Sohnes. Als er danach greifen will bekommt er einen Schlag und fällt zu Boden. Endlich kann der Geliebte seiner Frau aus dem Schrank herauskommen. Es scheint als ob sie alles richtig gemacht hat, da ruft der Geliebte: „Ein Wunder, er lebt.“
Rons Mutter wird kreidebleich und springt aus dem Fenster. Doch ihr Geliebter meinte nicht ihren Mann, sondern den Hamster.

Aug 23

Vor einiger Zeit habe ich mit meinen Freund und Fremdlesen-Kollegen Oliver Peters darüber geredet, was für lustige Spleene Diktatoren gelegentlich entwickeln, wenn sie an der Macht sind und ein ganzes Land nach ihrer Pfeife tanzt. Darunter waren: Ein Modelabel gründen und dann für die eigene Kollektion modeln (Kim Jong-il), eine Gruppe von gutaussehenden Frauen im Nahkampf ausbilden lassen und als Bodyguards einsetzten (Muammar al-Gaddafi) oder eine Box-WM ausrichten, zu der niemand eingeladen ist und sich dann selbst den Titel des Boxweltmeisters zu verleihen (Idi Amin Dada).

Solche verrückten Vorlieben und Hobbies, die man als Diktator einfach ausleben kann, weil es weder echte Wähler, noch unabhängige Presse, noch eine ernstzunehmende Opposition gibt, gehören zu den lustigen Seiten der Diktaturen und würden einem in einer Demokratie wahrscheinlich jeden Wahlsieg zunichtemachen. Bei uns gibt es zwar das Prinzip der Freiheit, aber es wird nicht genutzt. Unsere heimischen Politiker sind so seriös, angepasst und zugleich langweilig, dass man kaum weiß, wen man überhaupt von ihnen wählen soll. Jeder hat eine ähnliche Frisur, die Wahlprogramme unterscheiden sich nur in Nuancen und wenn einer minimal aus der Reihe tanzt, dann schreien alle nach seinem Rücktritt. Ein durchgeknallter Despot, der seine Hobbies und Ideen einfach umsetzt, wäre auch hierzulande sicher eine willkommene Abwechslung und würde dazu führen, dass sich mehr Menschen für Politik interessieren würden.

Deshalb habe ich darüber nachgedacht, was ich machen würde, wenn ich unverhofft an die Macht kommen würde: Ich würde eine Weiterlesen »

Jul 12

Die statistische Auswertung einer Internetseite ist oft sehr nichtssagend und nur für spleenige Experten informativ. Natürlich ist es unglaublich toll zu erfahren, wie viele Leute die Möglichkeit gehabt haben auf die Seite zu klicken, es aber dann doch nicht getan haben. Doch im Allgemeinen ist eine solch frustrierende Erkenntnis nicht von Belang.

Viel interessanter finde ich da schon die Auswahl der Suchwörter mit denen Leser auf unsere Seite gelangt sind. Diese sind nicht unbedingt deckungsgleich mit dem Inhalt unserer Geschichten. Es kommt mir manchmal so vor, als ob die jeweilige Suchmaschine (in unserem Fall der allgegenwärtige Moloch Google) die Begriffe, die häufig auf unserer Seite erscheinen, neu zusammenwürfelt und versucht dieses wirre Packet potenziellen Suchenden unterzujubeln, die dann enttäuscht auf uns stoßen und ihren Klick womöglich bitter bereuen. Die drei fehlgeleitesten Internetrecherchen, die zu allem Überfluss sehr häufig auf unsere Seite geführt haben, möchte ich nun kurz vorstellen:

1. Die abwegigste Suchwortkombinationen lautet: „Swiffer giftig für Tiere“. Ich kann mir schon vorstellen, dass diese Suchanfrage für einige Menschen von bedeutendem Interesse ist. Nehmen wir einmal den Fall, dass man mit den Einkäufen nach Hause kommt, alles neben den Meerschweinchenkäfig stellt und schnell die verderblichen Waren ins Eisfach einsortieren möchte. Kommt man zurück hat das Meerschweinchen ein komplettes Packet Swiffer gefressen. Da ist es verständlich, dass man alles stehen und liegen lässt und erst mal den Rechner anschmeißt, um zu googeln ob der liebe Hausgenosse noch Zeit hat ein Testament aufzusetzen. Aber warum landen solche Leute bei uns? Ich kann mich nicht daran erinnern bisher darüber geschrieben zu haben, dass irgendein Tier mit Swiffer vergiftet wurde oder jemanden mit Swiffer vergiftet hat.

2. Die nächste Suchoption (mit der wir angeblich eine Zeit lang auf Platz drei der Googlesuchergebnisse rangierten) ist: „Dr Oliver Peters schwul“. Ich musste sehr lachen, als ich das gelesen habe. Nicht nur weil Weiterlesen »

Jun 23

Kapitän Akbars Papagei ist geisteskrank. Er hält sich für einen Propheten und sagt den Piraten den Tod voraus, wenn sie ihm dafür Kekse geben. Zuerst finden die Matrosen das lustig, aber als der Schiffsjunge stirbt, dem der Papagei als erster den Tod herbeiorakelt hat, verstummt ihr Gelächter. Jetzt wollen sie das Federvieh heimlich in den Kochtopf werfen um Unheil abzuwenden. Doch der Papagei hat seine Stunde noch nicht kommen sehen, er fliegt in die Takellage und krächzt Haushaltstipps und Wettervorhersagen, die aufs übelste miteinander verquirlt sind. Gewitterbrei, Sonnenwindeln, Teppichklopferwolken, Möbelpoliturtiefdruckgebiete und Schlimmeres sieht er am Firmament heraufziehen. Der chinesische Schiffskoch kommt bei dem Geplapper ganz durcheinander und bereitet versehentlich einen Topf mit Sauerkraut und Schießpulver zu. Als dann der Smutje nach dem Essen Pfeife rauchen will, explodiert sein dicker Bauch. Jetzt sind alle erleichtert. Der Smutje sollte eigentlich erst in zwanzig Jahren auf einer Ranch in der Nähe von Denver von einer herabfallenden Gaslaterne erschlagen werden. Nun wissen sie, dass der Papagei nur Quatsch erzählt und der Küchenjunge nur durch Zufall auf der Bratpfanne ausgerutscht ist und sich das Genick gebrochen hat.

Mai 21

Bereits im Mittelalter war der Bader oder Bäder die wichtigste Person im kulturellen Leben. Er betrieb eine Badestube und da es zu dieser Zeit keine Badewannen oder Duschen in den Privathäusern gab, traf sich der ganze Ort zur Körperpflege bei ihm. Der Bader reichte Speisen und Getränke, unterhielt die Leute, wusch Haare, schnitt Nägel, fädelte geschickt die eine oder andere Ehe ein und behandelte ganz nebenbei noch allerlei Krankheiten. Kurzum: Die Badestube war der Dreh- und Angelpunkt der Gemeinschaft. Dass dies heute nicht mehr so ist, liegt daran, dass viele auf den Status des Baders eifersüchtig waren.

Allen voran sind hier die Vorgänger der heutigen Ärzte zu nennen. Diese studierten Emporkömmlinge bildeten sich wer weiß was auf ihr theoretisches Wissen ein. Doch welcher Arzt stellt einem als Entschädigung für eine verpfuschte Operation denn schon die hübsche Bademagd für ein illustres TĂȘte-Ă -TĂȘte zur Verfügung? Genau, keiner. Die tun alle so, als ob sie nichts dafür könnten, wenn ihnen mal ein Patient wegstirbt. Das Tätigkeitsfeld des Arztes ist eben nicht von dem ehrbaren Beruf des Baders ableitbar. Vielmehr ist hier eine obskure Mischung aus den Pfründen des Henkers, des Scharlatans und des Schneiders zusammengewürfelt worden (wobei man bei letzterem eher von einem grobschlächtigen Zunäher sprechen muss, denn Weiterlesen »