Aug 24

Nehmen wir mal an, dass Sie sich ein neues Buch zulegen wollen. Klassisches Szenario. Sie haben entweder einen Gutschein zum Geburtstag erhalten oder haben es satt, immer wieder diese Regalböden vom Staub zu befreien. Sie gehen in den Buchladen Ihres Vertrauens und nehmen das eine oder andere Werk in die Hand. Befummeln Hermann Hesse, Jamie Oliver und irgendwelche Vampire. Doch welcher Wälzer soll demnächst bei Freunden und Bekannten Belesenheit vortäuschen?
Ganz einfach: Aufschlagen. Den ersten Satz lesen. Oder gar den gesamten Absatz, wenn die Zeit denn reicht. Filmfreunde, die Harry & Sally gesehen haben, lesen sogar den letzten Absatz im Buch, denn sie scheinen unsicher, ob sie das letzte Kapitel überhaupt erreichen werden.
Aber es ist der erste Satz, der den Eindruck nachhaltig bestimmt. Wie bei einem Vorstellungsgespräch oder wenn man den Eltern vorgestellt wird. Innerhalb von wenigen Sekunden hat man entweder verschissen oder ist der Held. So ähnlich ist es auch bei Büchern. Wenn Titel, Autor und Cover noch nicht abgeschreckt haben, entscheidet der erste Satz. Sollte das ausgesuchte Büchlein mit den Worten „Es war einmal“ beginnen, kann man allerdings davon ausgehen, dass der Sex und Gewalt Anteil unbefriedigend niedrig ausfallen wird. Da sollte man sich nach Alternativen umschauen. Wie wäre es damit:„Sie war nackt. Er auch. Und obendrein spitz. Fast so spitz wie ihr Messer.“ Fuck Yeah, Basic Instinct lässt grüßen.
Solche Titel bzw. Einleitungen sollen uns an dieser Stelle nicht interessieren. Vielmehr geht es mir in dieser Ausführung darum, den nahezu perfekten Satz zu finden, der den zufällig oder gewollt Reinlesenden dazu bringt, das Buch nicht mehr so schnell aus der Hand legen zu wollen.

Eine prominente Jury hatte sich vor ein paar Jahren bereits mit dem Thema beschäftigt und kürte 2007 den schönsten Romananfang. Die Rede ist von Günther Grass und seinem Roman „Der Butt“, dessen erster Satz lautet: Ilsebill salzte nach. Er soll mir eine Hilfestellung sein! Der beste und schönste Romaneinstieg ever. Ilsebill salzte nach. Lassen wir es uns noch einmal, zum dritten Male, auf der Zunge zergehen.

Ilsebill. Salzte. Nach.

Hmm.
Der zweite Platz ging übrigens an folgenden Satz: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“. Klassiker! Kafka hat in seiner Verwandlung irgendwie dicker aufgetragen. Für die Käferstory reichte ein Salzstreuer kaum aus.
Anhand dieser beiden unantastbaren Beispiele will ich nun versuchen, selbst eine legendäre Einleitung auf das Papier zu bringen. Ein Satz, der den Leser dazu zwingt, das Buch nie mehr aus der Hand zu legen. Es spazieren führt und auf Schlaf und Nahrung verzichtend bis zum bitteren Ende durchschmökert – nur um den ersten Satz am Ende noch mal zu lesen. Und nochmal. Und nochmal. Der Anfang muss so perfekt sein, dass man nach dem Lesen direkt das Bedürfnis hat, eine Zigarette anzuzünden und zu raunen: Baby, frag nicht. Du warst großartig.
Ein Satz für die Ewigkeit. Ein Satz, den die großen Denker unserer Gegenwart bei Unstimmigkeiten oder Diskussionsrunden wie auf Kommando zitieren. Einer, der um die Welt geht. Den der Papst vom Balkon ruft.

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Aug 24

Letztens hielt ich überflüssige Gutscheine für eine der führenden „Gib-uns-dein-Geld-wir-machen-dich-fett-schnelles-essen-Restaurants“ in den Händen. Subway ist der Name und mein Verstand driftete nach langem Betrachten des merkwürdigen Angebots („Mit einem großen Cookie!“) ab. Plötzlich assoziierte ich Subway mit Subkultur. Frei nach dem Motto „Sie fangen gleich an … da muss es eine geheime Verbindung geben!“, ergab sich dieses seltsame Szenario, in dem man in einer Art Subkultur-Zentrale sich nicht nur sinnfreie Stullen kaufen kann, sondern auch eine Subkultur. Subculture!

„Hallo. Eine Subkultur-Stulle bitte.“
„Na klaro, da musst du aber erst mal sagen, was du genau darstellen willst.“
„Ach, ihr habt hier so viel Auswahl, da blick ich gar nicht durch. Erklär mal.“

„Ok. Hier ein Beispiel. Willst du eine Stulle phat beschmiert mit Butter? Mit kräftigem Flow und mächtig Juice? Die Stulle hängt knietief und ist mit Grafitti verziert. Desweiteren kannst du sie nach Gebrauch oldschool-mässig in die Tonne kloppen und anzünden.“
„Och nö. Haste nicht was anderes?“

„Aber klaro. Willst du eine Stulle mit authentischen, aber nicht wirklich ernst gemeinten Reveluzzer-Geschmack? Mit wild gefärbten Einlagen und Nieten und Piercings überall? Dazu gibts gratis eine Dose Bier und du kannst es wunderbar auf Bahnhofstreppen essen oder deinem Hund geben.“
„Auch das ist nun nicht unbedingt mein Geschmack…was noch?“

„Kein Problem. Willst du dich immer und überall einloggen können? Auf W-Lan-Parties mitmischen? Dann ist die multimediale Modding-Stulle das richtige. MP3 Player, Flatrate, Digicam, Headset und noch viel mehr, damit du stets im Bilde bist. World of Warcraft vorinstalliert und als Startseite haben wir dir eine MySpace-Seite eingerichtet. Auf Wunsch hin auch extrem übertaktet und Wasserstoffgekühlt.“
„Das ist mir alles zu viel…was denn noch? Aber mach es kurz.“

„Sonst gibt’s noch die Schranz-Stulle, die Goth-Stulle, die Skin-Stulle, die Larp-Stulle, die Emo-Stulle. Und noch einige mehr.“
„Was ist denn die Emo-Stulle?“
„Extrem im Trend! Pubertär, schwarzgefärbt und lässt sich nur von oben fotografieren!“
„Die nehm ich.“

Aug 22

Raus aus dem Bahnhof, am Puff vorbei, kurz einen Blick ins italienische Restaurant geworfen und endlich auf der Straße, die nach Hause führt. Gleich ist dieser grauenhafte Tag voller dämlicher Karnevalisten geschafft. Türe zu, Licht aus und die Welt kann mich kreuzweise. Würde mir da nicht diese Horde pubertierender Mädchen den Weg versperren.
Zum Glück habe ich einen Discman als Schutz dabei, denn so kann ich Taubheit antäuschen. Die Horde ist in Smalltalk vertieft, der hin und wieder durch einen jungfräulich-untervögelten Lachanfall unterbrochen wird. Sie haben mich noch nicht bemerkt. Mir hingegen fällt auf, dass sich alle Mitglieder dieser Gruppierung sehr ähneln. Ob es nun Emos waren oder nicht, konnte ich nicht sagen, denn ich habe sie nicht von oben gesehen.
Schnell vorbei.
Nach unten sehen.
Discman aufdrehen.
Ja!
Gleich geschafft.
Fuck. Sie folgen mir.

Ich fühle mich zeitweise wie der Rattenfängler von Hameln. Um meine Aufmerksamkeit zu erlangen, werden sie furchtbar laut. Jedoch traue ich mich nicht, mich umzudrehen. Sie holen auf.

„Lalalalalalala! LALALALALALALA!!!“
„Der ignoriert uns!“
„Hihihihihihihi. Der ignoriert uns!“
„Habe ich doch schon gesagt! Huhuhuhuhu!“
„Ob der uns hört?! LALALALALA!!!“

Ich will doch nur nach Hause. Das kann doch nicht zuviel verlangt sein.
Sie laufen nun neben mir. Ich überlege kurz, was zu tun ist und komme zu den Schluß: Angriff ist die beste Verteidigung.

„Lalalalala. Hallo! HALLO!“
Ich: „Ja.“

Das Hordenmitglied mit den dümmlichsten Schuhen spricht mich an. Sie muss ca. 16 Jahre alt sein und hat eine wirklich seltsame Frisur, die nur noch durch die penetrant nervige Stimme übertroffen wird.

Sie: „Musik ist ein Kommunikationskiller.“
Ich schaue sie nur an.
Sie: „Musik ist ein KOMMUNIKATONSKILLER!“
Ich: „Ich verstehe kein Wort.“
Sie: „KOMMUNIKATIONSKILLER!!!“
Ich: „Ja.“

Sie ziehen vorbei und drehen sich nicht nochmal um. Danke, Discman. Du hast mich gerettet. Und auch wenn Morrissey nicht gehört wurde, soll er an dieser Stelle zitiert werden:
Don’t forget the songs
That made you cry
And the songs that saved your life

Weil mich diese Begegnung mit der Mädchen-Horde so nachhaltig beeinflußt hat, ließ ich meinen Kumpel daran teilhaben.

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