Apr 02

Lieber Joseph,

ich kann nicht mehr malen und ich kann nicht mehr zeichnen. Solche Probleme sind Dir sicherlich unbekannt. Du würdest wahrscheinlich einfach eine Packung Vogelfutter, 30 Dosen Schuhcreme, mehrere Stadtpläne irgendwelcher Kleinstädte am Niederrhein und Spülmittel (Warum sagen manche Leute dazu Spüli? Man sagt doch auch nicht Zahncremi. Oder Waschi) nehmen und damit irgendein Behältnis füllen – vorzugsweise etwas, das man danach nie wieder benutzen kann. Nie wieder Waschi für die Waschmaschine kaufen.
Warum kann ich nicht mehr malen und zeichnen? Ich habe Angst vor dem ersten Strich. Der muss derartig perfekt sitzen, dass ich nicht genervt abbreche, sondern jubelnd weitere Striche ziehe. Eine weitere Sorge ist die Meinung anderer Leute.

Sicherlich ist mir klar, dass man auf diese besser niemals hören sollte. Es sei denn, sie rufen „PASS AUF! DIE AMPEL IST ROT!“ oder so etwas in der Art. Aber im Normalfall ist es oft furchtbar ernüchternd, den meisten Personen einfach nur zuzuhören. Bei dem Besuch einer Deiner Ausstellungen in Düsseldorf fragte einer der Mitläufer einer Führung, wie viel ein bestimmtes Deiner Werke nun wert sei. Da möchte man nur noch den Kopf schütteln und den Wissbegierigen gleich mit. Nun stelle Dir mal vor, ich fülle meine Waschmaschine mit Vogelfutter und Co. und nenne sie schlicht und einfach „Das unfassbare Unglück in penetranten Zahlenreihen abseits von Dir und Frau Müller“ – wie soll ich da mit Fragen nach dem Wert umgehen? Die Waschmaschine ist schließlich hin.

Eine andere Frage bleibt bestehen: Wie soll man mit der Meinung der Anderen umgehen? Die eigene Meinung bleibt meist übertrieben kritisch und die der anderen ist ja oft nur Phrasendrescherei, die zwar wunderbar für Smalltalk verwendbar ist, aber sonst wertfrei bleibt.
Blöd nur, dass ich mir die Antwort auf die Frage gerade selbst geliefert habe. Vielleicht liegt aber darin der Sinn so mancher Meinungsäußerung. Also, wo ist mein Stift?

Fette Grüße
Oliver

 

Eine Antwort zu “Briefe an Beuys | Wertmaschine”

  1. Fremdleser sagt:

    Ja, wo ist er, dein Stift?

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