Mai 21

Bereits im Mittelalter war der Bader oder Bäder die wichtigste Person im kulturellen Leben. Er betrieb eine Badestube und da es zu dieser Zeit keine Badewannen oder Duschen in den Privathäusern gab, traf sich der ganze Ort zur Körperpflege bei ihm. Der Bader reichte Speisen und Getränke, unterhielt die Leute, wusch Haare, schnitt Nägel, fädelte geschickt die eine oder andere Ehe ein und behandelte ganz nebenbei noch allerlei Krankheiten. Kurzum: Die Badestube war der Dreh- und Angelpunkt der Gemeinschaft. Dass dies heute nicht mehr so ist, liegt daran, dass viele auf den Status des Baders eifersüchtig waren.

Allen voran sind hier die Vorgänger der heutigen Ärzte zu nennen. Diese studierten Emporkömmlinge bildeten sich wer weiß was auf ihr theoretisches Wissen ein. Doch welcher Arzt stellt einem als Entschädigung für eine verpfuschte Operation denn schon die hübsche Bademagd für ein illustres Tête-à-Tête zur Verfügung? Genau, keiner. Die tun alle so, als ob sie nichts dafür könnten, wenn ihnen mal ein Patient wegstirbt. Das Tätigkeitsfeld des Arztes ist eben nicht von dem ehrbaren Beruf des Baders ableitbar. Vielmehr ist hier eine obskure Mischung aus den Pfründen des Henkers, des Scharlatans und des Schneiders zusammengewürfelt worden (wobei man bei letzterem eher von einem grobschlächtigen Zunäher sprechen muss, denn selbst ein plastischer Chirurg hat von seinem fleischigen Arbeitsmaterial weniger Ahnung, als ein vagabundierender Scherenschleifer von der Quantenphysik).

Auch der Bademeister, den man gegenwärtig in vielen Schwimmbädern antrifft, hat nichts mit den legendären Badern, der vergangenen Epochen zu tun. Im besten Fall handelt es sich bei ihnen um eine in die Gegenwart transferierte Abart des mittelalterlichen Latrinenreinigers. Doch so viel Lob möchte man dem Bademeister gar nicht zusprechen. Den größten Teil seines Handwerks erledigt für ihn ohnehin eine gut funktionierende Filteranlage, während der Bademeister faul herumliegt und vielleicht noch einmal einen größeren Brocken mit der Hand aus dem Wasser herausfischt.

Was ist also aus den guten alten Badern geworden, denen man in der Vergangenheit so ehrerbietig huldigte? Nun, die meisten von ihnen sind heute wohl Autoren und Kulturschaffende. Der Bader glänzte ja auch früher schon darin, die Leute neben seiner eigentlichen Tätigkeit zu unterhalten und zu bespaßen. Da liegt die These nahe, dass die Bader und ihre Nachfahren das bis auf den heutigen Tag einfach beibehalten und weiterentwickelt haben.

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