Jun 11

Gruselige Dystopie von Oliver Peters

Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll. Bei den etlichen ausgeschnittenen Zeitungsartikeln oder bei dem Fotoalbum mit den unzähligen Schnappschüssen von Menschen in seltsamen Klamotten. Vielleicht auch die zahlreichen Magazine, wo längst verstorbene Politiker die Titelblätter zieren oder die Schallplatten mit Liedern, die wie aus einer anderen Welt scheinen. Worum es sich dabei genau handelt, konnten wir manchmal nur anhand des Beipackzettels erahnen, welcher dieser Zeitkapsel beilag.

Unser Vater verstarb vor zwei Wochen. Als wir das Erbe antraten, wussten wir gar nichts von dieser Zeitkapsel. Wir, das sind meine Geschwister und ich. Unsere Mutter verstarb schon lange vor unserem Vater. Und der hatte dieses Zeitdokument verschwiegen. Bis heute.

Das Fotoalbum war zu knapp zwei Dritteln mit Familienbildern gefüllt. Angefangen bei unserem Ur-Ur-Opa zeigen die letzten Bilder unsere Eltern, als sie noch in unserem Alter waren. Da hatte unser Vater noch Haare. Verrückte Zeiten.
Wir fanden auch einige Liebesbriefe, die unser Opa an unsere Oma schrieb. Wer hätte gedacht, dass der so romantische Zeilen zu Papier bringen kann. Unsere Erinnerungen zeigen ihn eher als verschlossenen Typen, der lieber im Hobbykeller werkelte, als mit unserer Oma zu turteln.

Auch wir tauchten hier und da schon auf. Auf Fotos, wo wir in Wäschekörben gebadet wurden oder alte Zeichnungen und Schriftstücke von uns, wie z.B. unsere ersten Briefe. Manchmal dachten wir, das alles sei irgendwie mit der Zeit verschütt gegangen. Dabei bewahrten unsere Eltern es stillschweigend auf, selbst peinlichste Dokumente wie „Ales Guhte zum Muttathag“-Karten. Aber zugegeben … wir mussten auch schmunzeln.

So viele Erinnerungen auf einem Haufen, in einer Kiste. Nun waren wir gefordert. Was wollen wir für unseren Nachwuchs aufbewahren, damit sie unsere Geschichte weitertragen?
Ehrlich gesagt … Wir verzweifelten dabei ein wenig. Das Problem unserer Tage ist diese schiere Schnelllebigkeit, eine Welt mit stets verfallenden Haltbarkeitsdatum. Was heute noch präsent ist, kann morgen schon abgehakt sein.
Musik, Bücher, Fotos, Filme, Zeitschriften, Audiodokumente. Alles auf Datenträgern mit begrenzter Lebensdauer. Und selbst wenn die Datenträger ewig halten würden. Was für Songs sollen wir nehmen? Porno-Rap aus Berlin? Floskel-Rock aus Aachen? Pille-Palle-Pop von Dieter Bohlen? Oder welche Filme? Ich möchte meinen Kindern nicht gestehen müssen, dass in unseren Tagen Filme geliebt wurden, die wie Wortkonstruktionen eines Kindergartenkindes klingen. Auch Bücher, wo junge Frauen sich Avocadokerne rein schieben. Das muss alles nicht sein. Genau so wenig wie Meldungen über abschreibende Politiker, Piraten oder Griechenland.

Es blieb in der Familie. Wir trugen einiges zusammen. Natürlich lauter Familienfotos, bei denen wir darauf Wert legten, dass wir weder Instagramfilter verwendeten, noch dass sie „geshopped“ sind. Ein paar Erinnerungsstücke wie z.B. Zeitungsartikel, wo wir unsere Warhol’schen 15 Minuten Ruhm hatten und Grußkarten ohne Schreibfehler.

Ich packte noch eine Zeichnung dazu, die mein Vater nie in die Finger bekam. Sie zeigt einen großen Roboter namens „Robojohn“, der Waffen statt Hände hat. Robojohn zerstört in dieser eher grob gezeichneten Szenerie (ich war jung und brauchte Ventile) eine beliebige Großstadt. Als ich noch ein kleiner Junge war, gefiel mir diese Vorstellung. Und wenn man genau drüber nachdenkt, ist es auch genauso gekommen.
Die Zeitkapsel liegt nun bei meinem Bruder unter Verschluss. Er hat einfach die besseren Versteckmöglichkeiten in seinen vier Wänden. Dort wartet sie nun. Auf mehr Input und bessere Zeiten.

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