Jul 16

Ich zähle die Stacheln meines Igels. Es ist gewiss mein fünfter Versuch und ich schaffe es bis 43. Der überdrehte Racker macht mir stets einen Strich durch die Rechnung. „Nun halt doch mal still, verdammt“, sage ich und schüttele leicht den Karton, in dem der Igel auf und ab geht. Dieser ignoriert mich gekonnt und kratzt stattdessen in einer Ecke herum. Ich starte direkt einen erneuten Versuch: Eins, zwei, drei, vier, fünf, wo war ich?

Neben mir sitzt ein älterer Mann mit einem Dackel zwischen den Knöcheln. Beide mustern mich mit einem ähnlich müdem Gesichtsausdruck, wobei ich mir einen Dackelblick bisher anders vorgestellte. Ohnehin habe ich den Eindruck, dass alle Augen im Wartezimmer der Tierarztpraxis auf meinen Karton und mich gerichtet seien. Herrchenaugen, Frauchenaugen, Hundeaugen, Katzenaugen, Reptilienaugen, Nageraugen und vielleicht sogar Hühneraugen. Für einen kurzen Moment überlege ich, meinen stachligen Begleiter und mich vorzustellen, doch ich beschließe einfach zu warten, bis ich aufgerufen werde.

Seit ein paar Wochen besuche ich regelmäßig diese Tierarztpraxis, die mit einem neuartigen Konzept aufwartet. Im Gegensatz zu den üblichen Tierärzten handelt es sich hier um eine wortwörtliche Gemeinschaftspraxis, in der nicht nur die kranken Vierbeiner versorgt werden, sondern auch deren Besitzer. Das bedeutet natürlich nicht, dass man sich als ewiger Futternapfuffüller und Streichelautomat bei Lebensmüdigkeit kostengünstig einschläfern lassen kann. Viel mehr geht hier um Phobien und Allergien, wie beispielsweise panische Angst vor Spinnen oder eine Abneigung gegen Katzenhaare. Das Konzept scheint erfolgreich zu sein, denn das Wartezimmer ist proppevoll. Gegenüber sitzt ein junges Emomädchen mit einem Kaninchen auf dem Schoß. Beide tragen ein Nietenhalsband. Meiner Meinung nach leidet sie an einer Sozialphobie, während dem Schlappohr eine Identitätskrise zu schaffen macht. Schräg von mir ein Ehepaar, die einen dieser Minihunde dabei haben; ein Chihuahua, den man locker in der Handtasche tragen kann. Ob die beiden um das Sorgerecht streiten? Wobei dem Kleinen wohl eher Minderwertigkeitskomplexe und eine Klaustrophobie zu schaffen machen.

Der Igel und meine Wenigkeit sind übrigens aus anderen Gründen Patienten. Herzschmerz plagt mich. Klassischer Liebeskummer mit bekannten Folgeerscheinungen wie Schlaflosigkeit, Realitätsverlust und Verfolgungswahn. Letzteres weicht von der sonst gebräuchlichen Wortbedeutung ab, denn ich bin in der Verfolgerrolle und leicht vom Wahn befallen. Objekt meiner Begierde ist Rosalie, eine Tierarzthelferin, die nicht nur hier arbeitet, sondern mich fast noch gemeiner ignoriert als mein Igel. Den habe ich gestern Abend als meinen Komplizen auserkoren und mir einfach eine Magenverstimmung für ihn ausgedacht. So wird Rosalie gewiss auf mich aufmerksam. Ihr großes Herz für Tiere wird einen Platz für mich frei machen und wir werden uns in liebestollen Nächte Kose- und Tiernamen geben.

„Herr … Ach, sie sind es. Kommen sie bitte durch?“ Rosalie steckt ihren bezaubernden Lockenkopf durch den Türspalt und ruft mich auf. Sie hat mich wieder erkannt! Vergesst Geld, Autos oder Schokolade. Mit Igeln kriegt man die Mädels herum.

Wenige Sekunden später finde ich mich im Behandlungszimmer wieder. Den Karton stelle ich ab und merke, wie mir vor Nervosität ganz schwindelig wird. Der Arzt lässt auf sich warten und ich bin alleine mit der Mutter meiner noch ungeborenen Kinder. Leider hat sie nur Augen für den Igel.

„Oh, der ist aber süß. Sieht auch ganz munter aus.“
„Das ist Ingo. Er ist todkrank.“
„Eigentlich wirkt er topfit?“
„Ich musste ihn beinahe wiederbeleben!“
„Wiederbeleben? Den Igel?“
„Ich fand ihn am Straßenrand. Er steckte in einem Milchshakebecher fest. Seine Gier hatte ihn wohl in diese missliche Lage gebracht. Drum befreite ich ihn aus diesem Debakel und drehte ihn auf den Rücken, um per Herzmassage auszuhelfen.“

Rosalie schaut mich an, als hätte ich gerade einen One-Night-Stand mit dem Igel gebeichtet. Um mich nicht komplett zu blamieren, wende ich mich dem Karton zu und greife nach Ingo.
„Schauen Sie, ich hole ihn mal raus!“
Ich greife hastig in den Karton, doch erwische nur die Stacheln des Igels. Voll erwischt zucke ich zusammen und kreische leicht hysterisch auf. Rosalie schaut mich verdutzt an, während mir zügig schwarz vor Augen wird. Im nächsten Moment falle ich zu Boden. Ausgeknockt von Ingo in der ersten Runde.

„Hallo? Hallo? Sind sie wach?“
Rosalie und der Tierarzt hocken über mir. Der Doktor leuchtet mir mit einer kleinen Lampe direkt ins Auge.
„Ich will noch nicht aufstehen, Mutter …“
„Sie sind plötzlich zusammen gebrochen. Waren bestimmt fünf Minuten bewusstlos“, redet der Arzt auf mich ein, ohne mit dem Leuchten aufzuhören. „Können sie aufstehen?“
Wenige Sekunden später bin ich wieder auf den Beinen. Rosalie scheint besorgt, denn sie legt ihre Stirn in Falten. Eindeutig eine Dackelfalte.

„Verzeihen sie diesen Vorfall. Ich leide an Aichmophobie. Angst vor spitzen Objekten.“
„Aber gilt das nicht eigentlich für Spritzen?“ fragt der Doktor kritisch.
„Bei mir ist es etwas ausgeprägter. Manchmal bricht bei mir Panik aus, wenn ich z.B. einen Kaktus sehe.“
„Sind sie deshalb hier?“
„Exakt! Und natürlich wegen Ingo, den ich trotz meiner Todesangst vor seinen Stacheln einfach retten musste.“
„Ach, dem geht es aber gut. Den habe ich bereits während ihrer kurzen Auszeit untersucht. Er ist putzmunter. Bei Ihnen allerdings …“
„Was? Das ist ja großartig! Ingo ist gesund. Ein Grund zum feiern.“
„Sie haben ein ausgeprägtes Helfersyndrom. Letzte Woche das Eichhörnchen mit der Persönlichkeitsspaltung. Davor der Goldfisch, der Angst vor Wasser hatte. Sie sind ein wahrer Tierfreund und sichern mir die Rente.“
„Man tut, was man kann.“ sage ich lachend und versuche, Blickkontakt zu Rosalie aufzubauen. Doch die beschäftigt sich lieber mit Ingo. Ob ich nun sagen sollte, dass ich an Venustraphobie leide? Angst vor schönen Frauen? Und ein Rendezvous mit ihr mir dies nehmen könnte?

Nein, ich habe da eine bessere Idee.
Zwei Wochen später sitze ich erneut im Wartezimmer der Tierarztpraxis. Begleitet werde ich von Pucky, inem Graupapagei, den ich mir von meiner Tante lieh. Heute leide ich angeblich an Ornithophobie, die Angst vor Vögeln. Doch in einem fiktiven Testament einer nicht wirklich verstorbenen Verwandten steht vermerkt, dass ich mich um diesen Papagei mit Herz und Seele kümmern soll. Dieser hat übrigens dank meiner Hilfe ein neues Wort einstudiert: Rosa. Sollte selbst das nicht helfen, werde ich Rosalie einfach um einen Hausbesuch in meinen Privatzoo bitten. Dort warten schließlich ein Eichhörnchen, ein Goldfisch und Ingo auf sie.

Einen Kommentar schreiben