Okt 01

Satyr Verlag: Frische Märchen

„Frische Märchen extra fein“ ist die neue Anthologie des Satyr-Verlags, mit dem aberwitzigen Beitrag „Der Kaktusmann“ von Benjamin Bäder und vielen anderen Märchentexten von verschiedenen humorvollen Autoren aus der gesamten Bundesrepublik. Die Anthologie nähert sich dem Genre Märchen auf einzigartige Weise an, sie enthält keine Parodien zu altbekannten Märchen der Gebrüder Grimm, sondern neue, lustige und eigenwillige Interpretationen und Bearbeitungen des Themas. Das Buch eignet sich nicht nur zum Lesen, sondern auch um es zu verschenken, denn der Inhalt bleibt frisch – und das ganz ohne Verfallsdatum.

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Aug 24

Nehmen wir mal an, dass Sie sich ein neues Buch zulegen wollen. Klassisches Szenario. Sie haben entweder einen Gutschein zum Geburtstag erhalten oder haben es satt, immer wieder diese Regalböden vom Staub zu befreien. Sie gehen in den Buchladen Ihres Vertrauens und nehmen das eine oder andere Werk in die Hand. Befummeln Hermann Hesse, Jamie Oliver und irgendwelche Vampire. Doch welcher Wälzer soll demnächst bei Freunden und Bekannten Belesenheit vortäuschen?
Ganz einfach: Aufschlagen. Den ersten Satz lesen. Oder gar den gesamten Absatz, wenn die Zeit denn reicht. Filmfreunde, die Harry & Sally gesehen haben, lesen sogar den letzten Absatz im Buch, denn sie scheinen unsicher, ob sie das letzte Kapitel überhaupt erreichen werden.
Aber es ist der erste Satz, der den Eindruck nachhaltig bestimmt. Wie bei einem Vorstellungsgespräch oder wenn man den Eltern vorgestellt wird. Innerhalb von wenigen Sekunden hat man entweder verschissen oder ist der Held. So ähnlich ist es auch bei Büchern. Wenn Titel, Autor und Cover noch nicht abgeschreckt haben, entscheidet der erste Satz. Sollte das ausgesuchte Büchlein mit den Worten „Es war einmal“ beginnen, kann man allerdings davon ausgehen, dass der Sex und Gewalt Anteil unbefriedigend niedrig ausfallen wird. Da sollte man sich nach Alternativen umschauen. Wie wäre es damit:„Sie war nackt. Er auch. Und obendrein spitz. Fast so spitz wie ihr Messer.“ Fuck Yeah, Basic Instinct lässt grüßen.
Solche Titel bzw. Einleitungen sollen uns an dieser Stelle nicht interessieren. Vielmehr geht es mir in dieser Ausführung darum, den nahezu perfekten Satz zu finden, der den zufällig oder gewollt Reinlesenden dazu bringt, das Buch nicht mehr so schnell aus der Hand legen zu wollen.

Eine prominente Jury hatte sich vor ein paar Jahren bereits mit dem Thema beschäftigt und kürte 2007 den schönsten Romananfang. Die Rede ist von Günther Grass und seinem Roman „Der Butt“, dessen erster Satz lautet: Ilsebill salzte nach. Er soll mir eine Hilfestellung sein! Der beste und schönste Romaneinstieg ever. Ilsebill salzte nach. Lassen wir es uns noch einmal, zum dritten Male, auf der Zunge zergehen.

Ilsebill. Salzte. Nach.

Hmm.
Der zweite Platz ging übrigens an folgenden Satz: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“. Klassiker! Kafka hat in seiner Verwandlung irgendwie dicker aufgetragen. Für die Käferstory reichte ein Salzstreuer kaum aus.
Anhand dieser beiden unantastbaren Beispiele will ich nun versuchen, selbst eine legendäre Einleitung auf das Papier zu bringen. Ein Satz, der den Leser dazu zwingt, das Buch nie mehr aus der Hand zu legen. Es spazieren führt und auf Schlaf und Nahrung verzichtend bis zum bitteren Ende durchschmökert – nur um den ersten Satz am Ende noch mal zu lesen. Und nochmal. Und nochmal. Der Anfang muss so perfekt sein, dass man nach dem Lesen direkt das Bedürfnis hat, eine Zigarette anzuzünden und zu raunen: Baby, frag nicht. Du warst großartig.
Ein Satz für die Ewigkeit. Ein Satz, den die großen Denker unserer Gegenwart bei Unstimmigkeiten oder Diskussionsrunden wie auf Kommando zitieren. Einer, der um die Welt geht. Den der Papst vom Balkon ruft.

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