Nov 11

Lieber Joseph,

Du hattest schon immer ein Herz für Tiere. Würde ich glatt auch über mich behaupten, doch irgendwie haben derartige Aussagen einen bitteren Beigeschmack. Meist sind Leute, die „besser mit Tieren“ zurecht kommen, schlicht und einfach Opfer einer Sozialphobie.
Soll natürlich nicht bedeuten, dass alle Hundestreichler, Katzenkrauler und Schlangenschmücker total unfähig seien, es auch nur zwei Minuten mit anderen Menschen in einem Raum auszuhalten. Jedoch merkt man schnell, wenn jemand hauptsächlich mit Lebewesen kommuniziert, welche Widerworte nur in der Form von Schnurren, Bellen oder Nase wackeln hervorbringen. Sollte man dann noch die Schlafstätten tauschen oder sich gar selbst auf allen Vieren vorwärts bewegen, übertreibt man es eventuell mit der Zuneigung.

Apropos Tiere. Ein enger Freund hat derzeit ein Frauenproblem. Nicht, dass ihm die Ehefrau oder Freundin Probleme bereitet. Es ist vielmehr so, dass ihre konsequente Abstinenz für Verdruss sorgt. Soll bedeuten, dass er diese Dame noch nicht mal kennengelernt hat. Weiterlesen »

Apr 18

Lieber Joseph,

Du hattest mal kühn behauptet, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Mit diesen Worten im Hinterkopf wirkt meine verdreckte Küche bei jedem Betreten wie eine realitätsnahe Installation, die auf der nächsten Documenta ihren triefenden Stammplatz finden könnte. Ich nenne sie selbstbewusst „Fettraum“, wobei das natürlich mehr als offensichtlich auf Deinem Mist gewachsen ist. Wer hätte gedacht, dass jeder mehr oder weniger gewollte Fettspritzer einem Pinselstrich gleichkommt.
Ich sehe sie schon vor mir. Die unzähligen Ausstellungsbesucher, wie sie eng geschart meine grotesk schmuddelige Spüle bestaunen und Dinge sagen wie „Ich habe gehört, der Künstler verwendete höchst seltene Schimmelpilze aus Sri Lanka. Nur so entsteht dieser wahnwitze Effekt samt des Kloakenaromas!“

Themenwechsel. Gestern auf der Flucht via S-Bahn hörte ich folgenden Klassiker. „Deine Mutter ist so fett, dass die Waage beim Wiegen ‚Fortsetzung folgt‘ anzeigt“. Hättest Du jemals gedacht, dass Dein Lieblingsmaterial Fett irgendwann im gängigen Jugendslang Verwendung findet? Dass sie mittlerweile statt „affentittengeil“ lieber „fett“ rufen? Und wenn Ja, hättest Du dann ein anderes Material genutzt?
Butter kannst Du Dir direkt abschmieren. Die Redewendung „Alles in Butter“ ist bereits zu sehr in aller Munde. Muss es überhaupt so schmierig sein wie meine Küche? Muss Kunst triefen und Flecken hinterlassen?

Bestimmt. Denn was für den einen bloß einen Fleck darstellt, ist für den anderen Kunst. Joseph, Du hättest mich vor zwei Wochen erleben sollen. Da stieß ich versehentlich gegen das voll mit Bier- und Biermixgläsern bepackte Tablett des nahenden und überforderten Kellners. Flecken ohne Ende! Mein bestes Werk bis dato.

Mit triefenden Grüßen
Oliver

Apr 08

Lieber Joseph,

gerade beendete ich eine deprimierende Runde durch meine sterbende Heimatstadt.
Friseure, Ramschläden mit 1-Euro-Produkten, An- und Verkäufer, Nagelstudios, Imbißbuden. Berlin verpflichtet sich derweil „arm, aber sexy“ zu sein. Meine Ecke hat dagegen nicht verstanden, dass Thüringer Unfrisuren und Gelnägel nichts mit Sexappeal zu schaffen haben. Wenigstens der Teil mit der Armut funktioniert tadellos.
In den Nachrichten werden Ablenkungsmanöver geschaltet; in den Discountern lebensfüllende Maßnahmen vertickt. Wie z.B. technische Neuerungen, um den Großteil spielerisch auszubooten. Ankündigungen von Popstars wie dem Papst klingen gekonnt, aber füllen temporär eher die Schlaglöcher unseres Daseins. Zukunftsträger bzw. ursprüngliche Quellen einer möglichen Bedeutsamkeit werden gekippt, wie z.B. die Zuschüsse für Archäologie. Für tiefer gehende Themen und Gebiete fehlt die Zeit, fehlt das Geld.

Man möchte stattdessen einen Til Schweiger Tatort sehen. Den King des Monats probieren. Sich am WE zulaufen lassen und möglichst krude Sexerfahrungen sammeln. Denn was ist unser Dasein sonst wert?
Ich hätte nie gedacht, dass der Spruch „Du bist, was Du isst“ für mich noch an Bedeutung gewinnen könnte. Wobei das Essen vielmehr im Sinne des Zu-sich-Nehmens zu begreifen ist, also Konsum.
Gestern aß ich  im Zuge einer arbeitsbedingten Teamsitzung von einem Frühstücksbuffet. Für EUR 6,50 durfte ich so oft und so viel essen, wie ich wollte. Aber … Zahle. „Uns“ ist es scheißegal, wie viel und wie oft Du isst. Hauptsache, Du zahlst Deinen Platz in der Schlange.

Was ich eigentlich mit diesem kleinen Text sagen wollte, mein lieber Joseph: Fast wäre mir gar nicht aufgefallen, wie scheiße die Brötchen schmeckten, da ich ja wußte, dass ich statt Qualität Quantität erwarten konnte. Unendliche Rationen an Brötchen. Kein Mangel an Mangelwaren.

Und wir können alles kaufen.
Armes Land.

Grüße in die Ferne
Oliver

Nov 22

Lieber Joseph,

gestern musste ich an Dich denken. Eine wirre Frau schimpfte „Fick dich ins Knie!“ und meinte zu allem Überfluss auch noch mich. Wie vielseitig ein Knie doch sein kann. Ficken und Denken. Ich dachte, das schließt einander immer aus.

Laut einer Postkarte, die ich in einem Museum mitgehen ließ, denkst Du „nur mit dem Knie“. Mit Verlaub, mein lieber Joseph, das finde ich grandios. Mit dem üblichen grauen Zellenapparat zu denken, empfinde ich beizeiten nicht nur anstrengend, sondern im zunehmenden Alter immer sinnentleerter. Du kennst die anderen Laberköpfe, die da behaupten: „Ich denke, also bin ich.“ Ja, was denn? Was bin ich? Ist das eine Frage oder soll das eine Antwort sein? Da möchte man ja direkt einen Chinakeks zerbröseln, wo per Zettelchen verkündet wird: „Der Weg ist das Ziel“.

Wobei „der Weg“ ja auch noch begangen werden müsste. Da kommt wieder Dein redseliges Knie ins Spiel, da es den Transport unterstützt. Im Ernstfall wird es ganz schön gefordert, so ein Knie. Ficken, Denken und nun auch wandern. Wohin auch immer. Und das alles gleichzeitig.

Aber irgendwie scheint Dich das ja nie abgehalten zu haben. Von daher möchte ich diese Überlebenstaktik gerne übernehmen. Weg mit dem Hirn! Alle wichtigen Entscheidungen treffe ich ab sofort nur noch per Knie! Stehe ich heute auf? Das Knie entscheidet. Ziehe ich heute Unterwäsche an? Ein Fall für das Knie. Kaffee mit oder ohne Milch und Zucker? Zum Glück steht mein Knie mir bei.

Und wenn mir wieder so eine tourettegebeutelte Frau entgegen schmettert, mich doch ins Denkzentrum „zu ficken“, dann stehe ich drüber. Ich denke, also bin ich: Fuck it.

Mfg
Oliver