Apr 18

Lieber Joseph,

Du hattest mal kühn behauptet, dass jeder Mensch ein Künstler sei. Mit diesen Worten im Hinterkopf wirkt meine verdreckte Küche bei jedem Betreten wie eine realitätsnahe Installation, die auf der nächsten Documenta ihren triefenden Stammplatz finden könnte. Ich nenne sie selbstbewusst „Fettraum“, wobei das natürlich mehr als offensichtlich auf Deinem Mist gewachsen ist. Wer hätte gedacht, dass jeder mehr oder weniger gewollte Fettspritzer einem Pinselstrich gleichkommt.
Ich sehe sie schon vor mir. Die unzähligen Ausstellungsbesucher, wie sie eng geschart meine grotesk schmuddelige Spüle bestaunen und Dinge sagen wie „Ich habe gehört, der Künstler verwendete höchst seltene Schimmelpilze aus Sri Lanka. Nur so entsteht dieser wahnwitze Effekt samt des Kloakenaromas!“

Themenwechsel. Gestern auf der Flucht via S-Bahn hörte ich folgenden Klassiker. „Deine Mutter ist so fett, dass die Waage beim Wiegen ‚Fortsetzung folgt‘ anzeigt“. Hättest Du jemals gedacht, dass Dein Lieblingsmaterial Fett irgendwann im gängigen Jugendslang Verwendung findet? Dass sie mittlerweile statt „affentittengeil“ lieber „fett“ rufen? Und wenn Ja, hättest Du dann ein anderes Material genutzt?
Butter kannst Du Dir direkt abschmieren. Die Redewendung „Alles in Butter“ ist bereits zu sehr in aller Munde. Muss es überhaupt so schmierig sein wie meine Küche? Muss Kunst triefen und Flecken hinterlassen?

Bestimmt. Denn was für den einen bloß einen Fleck darstellt, ist für den anderen Kunst. Joseph, Du hättest mich vor zwei Wochen erleben sollen. Da stieß ich versehentlich gegen das voll mit Bier- und Biermixgläsern bepackte Tablett des nahenden und überforderten Kellners. Flecken ohne Ende! Mein bestes Werk bis dato.

Mit triefenden Grüßen
Oliver

Apr 02

Lieber Joseph,

ich kann nicht mehr malen und ich kann nicht mehr zeichnen. Solche Probleme sind Dir sicherlich unbekannt. Du würdest wahrscheinlich einfach eine Packung Vogelfutter, 30 Dosen Schuhcreme, mehrere Stadtpläne irgendwelcher Kleinstädte am Niederrhein und Spülmittel (Warum sagen manche Leute dazu Spüli? Man sagt doch auch nicht Zahncremi. Oder Waschi) nehmen und damit irgendein Behältnis füllen – vorzugsweise etwas, das man danach nie wieder benutzen kann. Nie wieder Waschi für die Waschmaschine kaufen.
Warum kann ich nicht mehr malen und zeichnen? Ich habe Angst vor dem ersten Strich. Der muss derartig perfekt sitzen, dass ich nicht genervt abbreche, sondern jubelnd weitere Striche ziehe. Eine weitere Sorge ist die Meinung anderer Leute.

Sicherlich ist mir klar, dass man auf diese besser niemals hören sollte. Es sei denn, sie rufen „PASS AUF! DIE AMPEL IST ROT!“ oder so etwas in der Art. Aber im Normalfall ist es oft furchtbar ernüchternd, den meisten Personen einfach nur zuzuhören. Bei dem Besuch einer Deiner Ausstellungen in Düsseldorf fragte einer der Mitläufer einer Führung, wie viel ein bestimmtes Deiner Werke nun wert sei. Da möchte man nur noch den Kopf schütteln und den Wissbegierigen gleich mit. Nun stelle Dir mal vor, ich fülle meine Waschmaschine mit Vogelfutter und Co. und nenne sie schlicht und einfach „Das unfassbare Unglück in penetranten Zahlenreihen abseits von Dir und Frau Müller“ – wie soll ich da mit Fragen nach dem Wert umgehen? Die Waschmaschine ist schließlich hin.

Eine andere Frage bleibt bestehen: Wie soll man mit der Meinung der Anderen umgehen? Die eigene Meinung bleibt meist übertrieben kritisch und die der anderen ist ja oft nur Phrasendrescherei, die zwar wunderbar für Smalltalk verwendbar ist, aber sonst wertfrei bleibt.
Blöd nur, dass ich mir die Antwort auf die Frage gerade selbst geliefert habe. Vielleicht liegt aber darin der Sinn so mancher Meinungsäußerung. Also, wo ist mein Stift?

Fette Grüße
Oliver

 

Nov 22

Lieber Joseph,

gestern musste ich an Dich denken. Eine wirre Frau schimpfte „Fick dich ins Knie!“ und meinte zu allem Überfluss auch noch mich. Wie vielseitig ein Knie doch sein kann. Ficken und Denken. Ich dachte, das schließt einander immer aus.

Laut einer Postkarte, die ich in einem Museum mitgehen ließ, denkst Du „nur mit dem Knie“. Mit Verlaub, mein lieber Joseph, das finde ich grandios. Mit dem üblichen grauen Zellenapparat zu denken, empfinde ich beizeiten nicht nur anstrengend, sondern im zunehmenden Alter immer sinnentleerter. Du kennst die anderen Laberköpfe, die da behaupten: „Ich denke, also bin ich.“ Ja, was denn? Was bin ich? Ist das eine Frage oder soll das eine Antwort sein? Da möchte man ja direkt einen Chinakeks zerbröseln, wo per Zettelchen verkündet wird: „Der Weg ist das Ziel“.

Wobei „der Weg“ ja auch noch begangen werden müsste. Da kommt wieder Dein redseliges Knie ins Spiel, da es den Transport unterstützt. Im Ernstfall wird es ganz schön gefordert, so ein Knie. Ficken, Denken und nun auch wandern. Wohin auch immer. Und das alles gleichzeitig.

Aber irgendwie scheint Dich das ja nie abgehalten zu haben. Von daher möchte ich diese Überlebenstaktik gerne übernehmen. Weg mit dem Hirn! Alle wichtigen Entscheidungen treffe ich ab sofort nur noch per Knie! Stehe ich heute auf? Das Knie entscheidet. Ziehe ich heute Unterwäsche an? Ein Fall für das Knie. Kaffee mit oder ohne Milch und Zucker? Zum Glück steht mein Knie mir bei.

Und wenn mir wieder so eine tourettegebeutelte Frau entgegen schmettert, mich doch ins Denkzentrum „zu ficken“, dann stehe ich drüber. Ich denke, also bin ich: Fuck it.

Mfg
Oliver